50 Jahre später war es bei den Pariser Couture Shows wieder der Sommer der Liebe

Man könnte meinen, dass die Couture-Shows mit ihrem aus offensichtlichen Gründen in den Status Quo investierten Kundenstamm aus wohlhabenden Mäzenen wenig gemein haben mit dem Summer of Love, der in diesem Jahr 50 Jahre alt wird. Aber tatsächlich tauchten Modeideen, die während dieser glücklichen Monate der Hippie-Hegemonie zum ersten Mal das Licht der Welt erblickten, auf den jüngsten Pariser Laufstegen auf.


Für die allermeisten Leser, die viel zu jung sind, um sich daran zu erinnern, gab es im Sommer 1967 eine wilde Explosion sogenannter Hippies – eigentlich ehemals nüchterne junge Leute, Leute wie Sie. Diese riesige Kohorte – im Januar 1967 kamen schätzungsweise 30.000 für das Human Be-In im Golden Gate Park – war dem Einschalten gewidmet. Nicht nur mit psychedelischen Drogen, sondern mit einem neuen Denken darüber, was das Versprechen von Leben und Freiheit und das Streben nach Glück bedeutet: Einstimmen, auf diese neue Vision des sozialen Lebens einstimmen und aussteigen – auf dem Weg zu den Crashpads der East Village und Haight Ashbury, wenn auch nur für den Sommer.

Christian Dior

Christian Dior

Foto: Indigital.tv

Der Wunsch, sich jeden Tag so zu kleiden, als würde man auf einen Kostümball gehen, umum die Bourgeoisie zu beeindrucken,von deinen langen, wirren Haaren bis zu den befreiten Zehen, die aus deinen Sandalen ragen, hat in diesem Sommer Wurzeln geschlagen und ist nie ganz verschwunden. Man könnte argumentieren, dass die luftigen Feenkleider bei Rodarte (die während der Couture-Woche in Paris gezeigt werden, wenn auch nicht streng genommen Couture) die Enkelinnen der schwebenden Vintage-Kleider sind, die die Bewohner der Haight bevorzugten. (Tatsächlich sollte man anmerken, dass es vor den 1960er Jahren keine Vintage-Kleidung gab, außer vielleicht an Halloween. Wenn die Umstände dich zwangen, Secondhand-Kleidung zu tragen, war dies nicht etwas, worüber du dich freute.)


Valentino

Valentino

Foto: Indigital.tv


Bei Dior, wo viele der Blicke in ihrer traurigen Schönheit nicht an die Vietnam-Ära, sondern an den „falschen“ Krieg zu erinnern schienen – jene achtmonatige Periode in Frankreich, als die Nazi-Invasion unmittelbar bevorstand und die Bevölkerung am Rande der Verzweiflung zitterte – da waren trotzdem ein paar helle 60er Jahre Tropen. Auf den Gütern von Jimi Hendrix oder Janis Joplin, zwei Ikonen, die ihrer Zeit leider weit voraus waren, hätte man einen feschen Patchwork-Samtmantel finden können.

Margiela-Haus

Margiela-Haus


Foto: Indigital.tv

Männer stechen ins Ohr

Bei Valentino könnte ein kaftanartiges Ensemble mit einem riesigen wirbelnden Blumendruck als Hommage an die kühnen Modeneigungen eines sogenannten Blumenkindes gelesen werden; Bei Maison Margiela waren die goldenen Cowboystiefel die Art von Dingen, die vor einem halben Jahrhundert mit einer Dose Sprühfarbe auf der hinteren Veranda geschaffen wurden. Und auch der Fair-Isle-Pullover von Jean Paul Gaultier, der zu einem Fransenkragen wurde, schien für einen Besuch in der Pressestelle derEast Village Andere.(Diese Boulevardzeitung hatte eine „Slum Goddess“-Seite, die als Erwiderung an Miss America gedacht war und Lokalheldinnen in verschiedenen Zuständen zeigte.)

Chanel

Chanel

Foto: Indigital.tv


Einige Couture-Shows erinnerten an die Zeit kurz vor dem Summer of Love, als die Zwänge der frühen 60er Jahre beiseite geworfen wurden, aber die Blüte der Hippie-Ära sozusagen noch nicht ganz angebrochen war. Dieser Mod-Moment zeigte sich in den klobigen transparenten Absätzen der Stiefel bei Chanel und dem rosa Minikleid mit den riesigen Schulterpoufs bei Giambattista Valli – eine Anspielung auf die fröhliche Jugend der Mary Quant-Jahre.

Giambattista Valli

Giambattista Valli

Foto: Indigital.tv

Und obwohl die Pelze bei Fendi, die die Woche abschlossen – militant floral, in Crayola-Tönen, ein Triumph der Fantasie und des Handwerks – weit von den Mänteln entfernt waren, die im Winter nach diesem Sommer der Liebe getragen wurden, gab es einen Pelzmoment in dieser vergangenen Ära sowie. Statt zierlicher Blüten waren die Mäntel, die über diese Vintage-Kleider geworfen waren, diese goldenen Cowboystiefel, diese ausgefransten Jeans und Fransenpullover, die glamourösen Joan Crawford-ähnlichen Nummern, die an Orten wie Ridge Antique Furs zu finden waren, einem Laden in der St Mark's Place, ein paar Häuser weiter vom Gem Spa entfernt. Damals waren diese großschultrigen Giganten gerade einmal 20 Jahre alt. Sollte nun einer dieser Mäntel auf einer Vintage-Messe auftauchen, wäre er fast 70 Jahre alt – verdorrt und mausernd, so zerbrechlich wie das Versprechen von Frieden, Liebe und Verständnis, das diese engelsköpfigen Hipster von 1967 waren so sicher, war gleich um die Ecke.